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Silvia Böhmer

moto: WI-Studierende entwickeln Software für die Schulkindbetreuung

Aus einem Projektseminar wurde ein Gründungsvorhaben mit Zukunft: Mit moto entwickelten Studierende der Wirtschaftsinformatik im Wintersemester 2023/24 eine digitale Lösung für die Schulkindbetreuung an der Grundschule Altenberge. Entstanden ist das Projekt im Seminar „Entwicklung einer Koordinations-App für die offene Ganztagsbetreuung an der Grundschule Altenberge“ am Lehrstuhl für Digitale Innovation und den öffentlichen Sektor von Prof. Tobias Brandt.

Hintergrund war das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG), das ab 2026 schrittweise einen Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung von Kindern im Grundschulalter einführt. Auch die OGS Altenberge rechnet deshalb mit steigenden Zahlen der zu betreuenden Kinder und größerem organisatorischen Aufwand. Aus diesem Bedarf heraus entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Münster das Projektseminar, das den Ausgangspunkt für moto bildete.

Gemeinsam mit der Gemeinde Altenberge und der OGS Altenberge entstand eine Plattform, die die Organisation der Ganztagsbetreuung vereinfachen und das pädagogische Personal im Alltag unterstützen soll. Zu den Funktionen gehören unter anderem die Verwaltung von Anwesenheiten, Räumen und Personal sowie die digitale Erfassung des Aufenthaltsorts von Kindern per NFC-Technologie.

Für die Weiterentwicklung von moto erhielt der Lehrstuhl im Rahmen des DATIpilot-Programms eine Förderung von über 150.000 Euro. Inzwischen wird moto zusätzlich über das EXIST-Programm gefördert. Florian Lüttgenau und Yannick Wenger, die beide aus dem ursprünglichen Seminar kommen, arbeiten seitdem weiter an moto. Gemeinsam mit Conrad Reintjes, der ebenfalls Wirtschaftsinformatik studiert hat und als CPO Produkt und Kundenkontakt verantwortet, treiben sie die nächste Entwicklungsphase der Plattform voran.

Wir haben mit ihnen über ihre Motivation, Herausforderungen im Entwicklungsprozess und die Zukunft von moto gesprochen.

Wie entstand die Idee für das Projekt und welches Problem möchtet ihr damit lösen?

Die Idee ist im Wintersemester 2023/24 im Projektseminar zur digitalen Koordination der offenen Ganztagsbetreuung in Altenberge entstanden. Ausgangspunkt war ein NFC-Prototyp, mit dem Kinder sich dezentral in der Schulkindbetreuung an- und abmelden konnten. Im Austausch mit der OGS Altenberge haben wir schnell gemerkt, dass das eigentliche Problem größer ist: Im Betreuungsalltag laufen viele Informationen über Papierlisten, Zurufe, einzelne E-Mails oder voneinander getrennte Systeme.

Ab dem Schuljahr 2026/27 haben neu eingeschulte Erstklässler*innen einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung, der bis 2029/30 auf alle Klassen der Grundschule ausgedehnt wird. Diese Reform verschärft das Problem zusätzlich. Dadurch werden viele Einrichtungen der Schulkindbetreuung perspektivisch mehr Kinder betreuen und mehr Abläufe koordinieren müssen. Gleichzeitig gibt es im offenen Ganztag bisher kaum Softwarelösungen, die die unterschiedlichen Bedürfnisse von Betreuung, Leitung, Eltern, Personalverwaltung und Trägern in einem System vereinen. Kitas arbeiten in vielen Bereichen schon seit Jahren digitaler, während OGS-Teams häufig noch mit sehr analogen Strukturen arbeiten.

Daraus ist moto entstanden: eine Software für OGS, Hort und Schulkindbetreuung, die Anwesenheitserfassung, Kinderinfos, Elternkommunikation, Verwaltung, Personal, Zeiterfassung, Ferienbetreuung und Online-Anmeldung in einem System verbindet. Unser Ziel ist, pädagogische Teams organisatorisch zu entlasten, damit im Alltag mehr Zeit für die Arbeit mit den Kindern bleibt. Gerade wenn die Zahl der zu betreuenden Kinder steigt und der Koordinationsaufwand wächst, können digitale Prozesse und je nach Einrichtung auch NFC-Systeme zur Anwesenheitserfassung einen großen Nutzen entfalten.

Welche Rolle übernehmt ihr jeweils im Projektteam?

Wir bringen unterschiedliche Schwerpunkte ins Projekt ein. Florian arbeitet vor allem an Strategie, Organisation und der Zusammenarbeit mit Förderpartner*innen. Yannick leitet als CTO die Entwicklung: Er baut das Produkt, verantwortet die technische Architektur und kümmert sich um die Skalierung und Infrastruktur der Plattform. Conrad kümmert sich als CPO um das Produkt und die Kundenansprache. Er steht im direkten Austausch mit Schulen und Trägern, vertritt moto auf Messen und übersetzt Praxisfeedback in konkrete Funktionen.

Mittlerweile sind wir ein sechsköpfiges Team. Neben uns drei Gründern gehört Christian Kamann dazu, der schon im ursprünglichen Projektseminar dabei war und uns in der Entwicklung unterstützt. Tristan Heitger arbeitet ebenfalls an der Entwicklung und kümmert sich um das Design. Jule Soll unterstützt uns in der Kundenansprache, im Marketing und in der Kundenbetreuung. Mit der wachsenden Zahl an Einrichtungen wächst auch unser Team, und wir suchen weitere Verstärkung.

Viele Entscheidungen entstehen direkt aus dem Feedback der Einrichtungen, die moto bereits im Alltag nutzen. Das ist uns sehr wichtig, da eine gute Software für den Ganztag nur funktioniert, wenn sie nah an den echten Abläufen der Teams entwickelt wird.

Was war die größte Herausforderung während der Entwicklung?

Die größte Herausforderung war, zu verstehen, dass es in der Schulkindbetreuung keine Einheitslösung gibt. Jede Einrichtung arbeitet anders und der Bedarf wird mit steigender Kinderzahl noch vielfältiger. Die eine Schule möchte die Anwesenheit digital über NFC-Armbänder dokumentieren, eine andere regelt das lieber direkt über die App. Bei manchen Trägern steht Personalverwaltung im Mittelpunkt, bei anderen Elternkommunikation, Ferienbetreuung oder andere Dinge.

Deshalb mussten wir moto von Anfang an sehr modular denken. Heute funktioniert die Plattform wie ein Baukasten: Einrichtungen und Träger können die Bausteine nutzen, die zu ihren Abläufen passen. Diese Modularität technisch sauber umzusetzen und gleichzeitig einfach bedienbar zu halten, war und ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Wie hat die Zusammenarbeit mit der OGS Altenberge und der Gemeinde funktioniert?

Die Zusammenarbeit war für uns sehr wertvoll, weil wir nah an der Praxis entwickeln konnten. Die OGS Altenberge und die Gemeinde haben uns Einblicke in echte Abläufe gegeben, Prototypen getestet und sehr offen zurückgemeldet, was im Alltag funktioniert und was eher zusätzlichen Aufwand erzeugt.

Gerade dieses ehrliche Feedback hat moto stark geprägt. Aus einer ersten technischen Idee wurde Schritt für Schritt eine Lösung, die sich an realen Bedürfnissen aus der Betreuung orientiert.

Was hat euch im Projekt am meisten überrascht?

Überrascht hat uns vor allem, wie viel in der Ganztagsbetreuung eigentlich fehlt, sobald man genauer hinschaut. Angefangen haben wir mit einer einzigen Frage: Wo ist welches Kind gerade? Im Gespräch mit den Teams kam aber schnell mehr dazu. Wer holt heute ab? Wer ist krankgemeldet? Wer übernimmt die Vertretung? Wie läuft die Anmeldung für die Ferien? Wir haben gemerkt, dass ein gut gelöster Baustein sofort zeigt, wo der nächste fehlt. So ist aus einer einzelnen Funktion Schritt für Schritt ein ganzes Ökosystem geworden.

Heute besteht moto aus vier Apps, die miteinander verbunden sind. Die Betreuer*innen-App zeigt dem Team im laufenden Nachmittag, welches Kind wo ist, wann es abgeholt wird und was sich spontan geändert hat. Die Leitungs-App bündelt Anmeldungen, Kinderdaten, Betreuungszeiten, Gruppen, AGs, Ferienbetreuung und Dienstplan inklusive Vertretungen und Zeiterfassung. In der Eltern-App, die es in vielen Sprachen gibt, melden Eltern ihr Kind krank, ändern Abholzeiten, pflegen Abholberechtigungen und erhalten Nachrichten, Rückfragen und Dokumente. Die Träger-App verbindet Personal, Ferienbetreuung und Verwaltung über mehrere Standorte hinweg. Die Anwesenheitserfassung per App oder NFC ist dabei nach wie vor zentral, denn mit ihr hat alles angefangen. Heute ist sie aber nur noch ein Baustein von vielen.

Außerdem hat uns überrascht, wie schnell die Teams mit dem System arbeiten. Wenn die Oberfläche klar ist und ein echtes Alltagsproblem löst, wird moto sehr intuitiv genutzt. Der größte Effekt entsteht dort, wo die Bausteine ineinandergreifen. Eine Krankmeldung aus der Eltern-App landet direkt beim Team, ohne Zettel oder Anruf im Büro. Ein Personalausfall ist sofort im Dienstplan sichtbar. Wenn alle auf demselben Stand sind, wird der Nachmittag spürbar ruhiger.

Was bedeutet die Förderung im Rahmen von DATIpilot für euch persönlich und für die Weiterentwicklung des Projekts?

Die DATIpilot-Förderung war für uns ein entscheidender Schritt. Sie hat uns nach dem Seminar die Möglichkeit gegeben, weiter an moto zu arbeiten, das Projekt professioneller aufzubauen und die ersten Produktentscheidungen mit mehr Zeit und Struktur zu treffen.

Für uns persönlich war die Förderung auch eine Bestätigung, dass das Problem gesellschaftlich relevant ist. Die Ganztagsbetreuung steht durch den Rechtsanspruch vor großen organisatorischen Herausforderungen. DATIpilot hat uns geholfen, aus einem Seminarprojekt ein belastbares Produkt zu entwickeln. Mittlerweile ist moto an mehr als 15 Schulen in NRW und Niedersachsen im Einsatz und wird täglich von mehreren tausend Kindern und den jeweiligen Betreuungsteams genutzt.

Wie sieht die nächste Entwicklungsphase von moto aus?

Wir freuen uns sehr, dass wir eine EXIST-Anschlussförderung bewilligt bekommen haben. Damit geht moto in die nächste Entwicklungsphase. In den letzten Monaten ist bereits viel passiert: Wir haben weitere Schulen in NRW und Niedersachsen angebunden, sind im täglichen Betrieb im Einsatz und konnten mit den Teams vor Ort viel über unterschiedliche Ganztagsstrukturen lernen.

Jetzt wollen wir wachsen. moto ist im Alltag erprobt und wir möchten es an deutlich mehr Schulen bringen. Dafür suchen wir Betreuungsteams in OGS und Hort, Schulen und Träger, die Lust haben, mit uns zu starten, auch über NRW und Niedersachsen hinaus. Jede neue Einrichtung bringt eigene Abläufe mit. Genau davon lernen wir, und so entwickeln wir alle vier Apps gezielt weiter. Besonders intensiv arbeiten wir an der Träger-App, die Trägern mit mehreren Standorten einen standortübergreifenden Blick ermöglicht. Unser Fokus bleibt, dass moto sich an die Abläufe der Einrichtungen anpasst und nicht umgekehrt.

Was ist eure langfristige Vision für das Projekt? Welche Wirkung soll moto über Altenberge hinaus entfalten?

Unsere langfristige Vision ist, dass moto Betreuungsteams und Träger in der Schulkindbetreuung in ganz Deutschland spürbar entlastet. Wenn weniger Zeit in Listen, Suchwege, Abstimmungen, Papierkram und doppelte Dokumentation fließt, bleibt mehr Raum für pädagogische Arbeit.

Besonders spannend sind für uns größere Träger-Konstellationen mit mehreren Standorten. Dort können digitale Strukturen helfen, gemeinsame Standards umzusetzen, ohne die Besonderheiten einzelner Einrichtungen zu verlieren. Genau diese Wirkung möchten wir entfalten: mehr Übersicht, weniger Verwaltungsaufwand und bessere Zusammenarbeit zwischen Betreuung, Eltern, Schule und Trägern.

Über die persönlichen Einblicke der Gründer hinaus zeigt moto, welches Potenzial in einem Wirtschaftsinformatikstudium und projektbasiertem Lernen steckt: Aus einem Projektseminar kann eine praxisnahe Lösung mit gesellschaftlichem Mehrwert und unternehmerischer Perspektive entstehen.

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