Prof. Dr. Dr. h. c. August-Wilhelm Scheer
ist am 27. Juli 2001 sechzig Jahre alt geworden. Wie kein anderer hat er die deutsche IT-Szene geprägt - als Wissenschaftler, als Unternehmer
und als politischer Berater. Scheer ist ein Grenzgänger, der sowohl die Welt der Theorie als auch die der Praxis liebt, die Verzahnung
von Forschung und Wirtschaft fordert und der deutschen Informatik über die Landesgrenzen hinaus zu Anerkennung verhalf. Sein
Name steht für die Öffnung der Hochschulen in Richtung Marktorientierung und E-Learning, für die Entwicklung neuer
Methoden und Konzepte zur betriebswirtschaftlichen Beschreibung von Softwaresystemen, für die erfolgreichste Unternehmensgründung
im IT-Bereich der vergangenen fünfzehn Jahre.
Nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Hamburg, seiner Dissertation und Habilitation bei Herbert Jacob
in Hamburg hat er 1975 den Ruf der Universität des Saarlandes angenommen und in Deutschland eines der ersten Institute
für Wirtschaftsinformatik gegründet, das sich mehrheitlich aus Drittmitteln finanzierte. Das IWi konzentrierte sich
auf die Erforschung computergestützter Planungs- und Steuerungssysteme, avancierte mit zeitweise bis zu hundert Mitarbeitern zu
einem der größten deutschsprachigen Forschungsinstitute auf dem Gebiet der Wirtschaftsinformatik und gestaltet
bis heute wichtige mit.
Scheer hat die Entwicklung der Wirtschaftsinformatik in Deutschland (und darüber hinaus)
in den letzten 25 Jahren entscheidend geprägt. War es zunächst die Datenorientierung bei der Gestaltung von Informationssystemen,
der er deutlich seinen Stempel aufgedrückt hat, ist in der Folge die Integration in der Fertigung unter dem Stichwort Computer
Integrated Manufacturing (CIM) nachhaltig von ihm beeinflusst worden. Lange bevor der Begriff Business Process Reengineering
Eingang in die Diskussion gehalten hat, hat Scheer die prozessorientierte Sicht auf die Gestaltung von Informationssystemen und
organisatorischen Strukturen propagiert. Die Ereignisgesteuerten Prozessketten, die über die IDS Scheer AG zum Weltmarktführer der
Prozessmodellierung geworden sind, legen beredtes Zeugnis seiner ablauforientierten Sichtweise dar. "Ich möchte Generalunternehmer
für die Reorganisation von Unternehmen werden", formulierte Scheer bereits Anfang der 80er Jahre (und das lange bevor Business
Reengineering zum Megatrend wurde) sein Ziel. Ihre Einbindung in die ARIS-Architektur zeigen Scheers integrative Sicht auf die
Organisations- und Informationssystemgestaltung. Die Informationsmodellierung und ihre Einbettung in Ordnungsrahmen sowie die
ebenenbezogene Gestaltung von Architekturen im House of Business Engineering weisen den Weg von der betriebswirtschaftlichen
Anforderung zur informationstechnischen Umsetzung. Die Gestaltungsaufgabe der Wirtschaftinformatik als Wissenschaft steht für
Scheer eindeutig im Vordergrund und war und ist ihm Leitlinie seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.
Die Gründung der IDS Scheer AG 1984 ist denn auch konsequente Fortsetzung seiner Auffassung von Forschung, die eben nicht bei
Konzepten und Prototypen stehen bleiben darf, sondern sich der Bewährung ihrer Ideen in der Praxis stellen muss.
Die Lehrbücher von Scheer sind bis heute Standardwerke und Pflichtlektüre für jeden Wirtschaftsinformatiker. Sein Werk
"Wirtschaftsinformatik - Referenzmodelle für industrielle Geschäftsprozesse" ist zum Klassiker avanciert und zeigt
die integrative Sicht der Wirtschaftsinformatik auf Unternehmen aus Sicht der steuernden und materialflussbegleitenden Informationen.
Die ursprünglich datenfokussierte Sicht auf das Industrieunternehmen, das die erste Auflage geprägt hat ("Betriebs- und Wirtschaftsinformatik"),
ist um die prozessorientierte Sicht in den neueren Auflagen ergänzt worden.
Die Integration als Credo der Wirtschaftsinformatik ist geblieben.
Mit der "Architektur Integrierter InformationsSysteme" (ARIS) legte er den Grundstein für ein neues Verständnis
der Informationsverarbeitung, das als erstes von SAP übernommen wurde und wesentlich das R/3-System, die
weltweit meistverkaufte Standardsoftware, prägte. Das ARIS-Tool der IDS Scheer ist internationaler Marktführer
auf dem Gebiet der Geschäftsprozessmodellierung.
Als einsamer Mahner in der Wüste hat Scheer bereits in den frühen 80ern die verkrusteten Verhältnisse an den Hochschulen
scharf kritisiert, seine Kollegen zum Verlassen des Elfenbeinturms aufgefordert und für ein professionelles Hochschulmanagement
plädiert. Nur eine durchgängige, in sich verzahnte Wertschöpfungskette von der Grundlagen- über die angewandte Forschung bis zur
Entwicklung marktreifer Produkte kann seiner Überzeugung nach Deutschland als Standort sichern. Auf Landes- und auf Bundesebene,
derzeit als Mitglied in der Kreativgruppe "IT-Forschung 2006" des Bundesforschungsministeriums, wirbt er für den Wandel der
Forschungsstrukturen, erfolgsbezogene Budgetgenehmigung und marktorientiertes Denken der Wissenschaftler. Auch als
Ausbildungsstätte müsse sich die Hochschule am Bedarf des Marktes ausrichten und auf neue Anforderungen der Wirtschaft
schneller reagieren. Sonst hätten sie im Wettbewerb mit den internationalen Universitäten, die nicht zuletzt über Telelearning
ihr Angebot weltweit vermarkten, keine Chance: "Ich befürchte ein großes Sterben der deutschen Hochschulen," sagte er
im März 2000 in einem Interview der Frankfurter Rundschau.
Der Niedergang der deutschen Informatikindustrie schmerzt ihn. Aus der Automobil-Idee eines Gottlieb Daimlers vor über hundert
Jahren ist eine nach wie vor prosperierende deutsche Industrie hervorgegangen, während es nur wenige nennenswerte deutsche
IT-Produkte gibt - obgleich es in den 30ern der Deutsche Konrad Zuse war, der den ersten Computer baute. Mit Ausnahme
der SAP AG hat kein deutsches IT-Unternehmen den internationalen Durchbruch geschafft. "Große IT-Unternehmen fehlen - als
Jobmaschine, als Zugpferde und als potenzielle Aufkäufer von Startup-Unternehmen, um deren Innovationspotenzial zu retten." Aus Verantwortung
als Bürger engagiert er sich als Innovationsbeauftragter der saarländischen Landesregierung, die mit Hilfe der Internet-Technologien
den alten Industriestandort zur modernen, globalen Region entwickeln will.
Mit der IDS Scheer AG hat August-Wilhelm Scheer eines der erfolgreichsten deutschen IT-Dienstleistungs- und Softwareunternehmen gegründet.
Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten hat er ("Ich möchte nicht nur Fußnoten produzieren") in dem Spin-off zu Produkten, die
heute bei Weltunternehmen eingesetzt werden, weiterentwickelt. Mit heute über 1.500 Mitarbeitern ist das am Neuen Markt notierte
Unternehmen auf steilem Wachstums- und Internationalisierungskurs. Seine Erfahrungen hat er autobiografisch in dem Buch "Unternehmen
gründen ist nicht schwer..." beschrieben. Als Hauptgesellschafter und Aufsichtsratsvorsitzender prägt er die Strategie des
weiterhin stark wachsenden und sich zum global player entwickelnden Unternehmens.
So nimmt August-Wilhelm Scheer sicherlich eine Sonderstellung unter deutschen Wissenschaftlern in der Betriebswirtschaftslehre ein.
Obwohl viele Gleichgesinnte unternehmerisch tätig geworden sind und versucht haben, ihre Ideen zu multiplizieren, haben nur wenige
dies mit solcher Zielstrebigkeit und persönlichem Einsatz realisiert wie er. Dabei fasst er sein Unternehmertum als logische
Konsequenz seiner Hochschullehrerlaufbahn auf und nicht als Gegensatz. Seine Ideen als Forscher will er umgesetzt wissen (und
dies ist ihm ja wahrlich gut gelungen), und seine Lehre soll von der Verbindung von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktisch
anwendbarem Nutzen geprägt sein (und die vielen Spin offs aus der Universität zeigen, dass er auch hier seine Wirkung nicht
verfehlt hat). Seine Kreativität, das frühe Erkennen sich bildender Strömungen in der Wissenschaft, seine Geradlinigkeit im
Denken und in der Verfolgung wissenschaftlicher Ideen und seine Beharrlichkeit in der Umsetzung haben zu seinem Erfolg in der
wissenschaftlichen Disziplin und im unternehmerischen Umfeld beigetragen. Und dass er zu allem ein begabter Jazz-Saxophonist ist,
widerlegt die Mär von monothematisch fixierten Betriebswirten.